Grenzen, Entgrenzung und Grenzüberschreitung

von Hannes Jedeck

鵲橋仙

纖雲弄巧,飛星傳恨,銀漢迢迢暗渡. 金風玉露一相逢,便勝卻人間無數. 柔情似水,佳期如夢,忍顧鵲橋歸路. 兩情若是久長時,又豈在朝朝暮暮1.

Treffen über der Milchstraße

„Durch die unterschiedlichen Formen der zarten Wolken, die traurige Nachricht der Sternschnuppen, eine stille Reise über der Milchstraße, ein Treffen des Kuhhirten und der Weberin inmitten des goldenen Herbstwindes und des jadeglitzernden Taues, verfinstern die zahllosen Begegnungen in der alltäglichen Welt. Die Gefühle weich wie Wasser, der ekstatische Moment unwirklich wie ein Traum, wie kann man das Herz haben, wieder auf die Brücke aus Elstern zu gehen? Wenn die beiden Herzen für immer vereint sind, warum müssen die zwei Personen zusammen bleiben – Tag für Tag, Nacht für Nacht?“

Qin Guan (1049–1100)

Einsam, im „Palast der Weiten und Kälte“ findet sich die Prinzessin Chang‘e wieder, nachdem sie noch auf Erden ein Elixier ihres Mannes zu sich genommen hat und dann immer höher – bis zum Mond – aufgestiegen ist. Als Begleiter stellt ihr die chinesische Sage dort lediglich einen Mondhasen, auch Jadehase genannt, sowie den Holzfäller Wu Gang zur Seite. Ihr Ehemann, König Houyi, hingegen ist zusammen mit seinem Bogen Gebieter über die Sonne(n). Die mythische chinesische Geschichte, die über Jahrtausende mündlich tradiert und in unterschiedlichen Varianten überliefert wurde, stellt Fragen nach Zugehörigkeit, Grenzen, Entgrenzung und Grenzüberschreitung, die heute nichts an Relevanz verloren haben.

Dabei geht es auch um die Erreichbarkeit oder eben Unerreichbarkeit von Wünschen, Vorstellungen und Zielen. Der Erde als irdisches Reich stehen Mond (Yin) und die Sonne (Yang) als Ausdruck einer überirdischen, kosmischen Welt entgegen. Zum Schicksal von Chang’e gehört die Entfernung zu ihrem Ehemann ebenso wie zum gewöhnlichen Leben auf Erden. Doch wie kam es dazu, dass die Prinzessin in diese missliche Lage geraten konnte und nun in der Ferne ausharren muss? Hierzu bieten die Überlieferungen unterschiedliche Antworten, sei es, dass sie als schlechte Ehefrau heimlich ein Kästchen ihres Mannes öffnete und zu viel des darin befindlichen Elixiers zu sich nahm oder in einer anderen Fassung ein dem Tod des Kaisers gewidmetes Gift vorkosten musste. Das Ergebnis ist in allen Fällen, dass die Prinzessin hoch hinauf zum Mond fliegt, wo sie sich fortan nach Gemeinschaft und entfernten Orten sehnt.

Die Hoffnung auf eine Welt, die anders sei als jene gegenwärtige, wird im Stück „Chang’e. Why you flew to the Moon?” auf verschiedene Weisen thematisiert. Als Textgrundlage dient zunächst ein Interview des chinesischen Fernsehprogramms „Der halbe Himmel“ aus dem Jahr 2001. Darin redet eine Frau im ländlichen China – sprichwörtlich hinter dem Mond – über ihre Wünsche und Sehnsüchte. Die Mutter und Bäuerin plagt ein Stechen in ihrem Herzen, das ihr verdeutlicht, es gäbe dort draußen noch ein anderes Leben, ein Leben jenseits von Haushalt und traditionellen Familienstrukturen. Denn ihr Alltag ist geprägt von Kochen, Einkaufen, Feldarbeit, sich um die Kinder kümmern und vielem mehr, dessen sie lange schon überdrüssig ist. Tatsächlich ist das Leben auf dem Land in China ein vollkommen anderes als jenes in den Großstädten. Die Unterschiede sind krasser als man es sich hierzulande vorstellen kann, das chinesische Hukou-System bindet viele Chines*innen auch heute noch an ihren Geburtsort. Wie eine Gefangene fühlt sich die Sprecherin, am falschen Ort zur falschen Zeit. Immer wieder tut sie die Einfachheit des Landlebens als „flach“ und unkultiviert ab. Die Vorzüge der Stille und dörflichen Geborgenheit will sie nicht sehen. Man könne dort zwar Häuser kaufen, aber keine Bücher, man könne Karten spielen, aber nicht die Stadt besuchen. Die Großstadt wird hier zum unerreichbaren Sehnsuchtsort. Auf dem Land fehlt jegliche Magie: jene Magie, die eine Änderung bewirken könnte, welche die Isolation und Flachheit des Lebens auflösen würde. 

„Und so wandle ich mich zur läufigen, hautlosen Wölfin
Und dann führe die Nacht zu meiner Stätte
Und dann in Versuchung“2

In einer weiteren Ebene überlagern sich höchst gegenwartsbezogen die Legende von Chang’e und die Sehnsucht der chinesischen Mutter auf dem Lande nach einer anderen Wirklichkeit mit der Situation der FINTA (Frauen*, Inter*, nicht-binäre und Trans* Personen) im Westen, aber auch darüber hinaus. Als Catwalk gestaltet sich die real sichtbare Performance, deren tiefere Schichten nur im Subtext durchklingen. Der eindringliche Ausruf „I’m looking for the Magic!“ wird schärfer und schärfer, die Musik dringt in Grenzbereiche des angenehm Wahrnehmbaren vor. Wir sehen und hören die Verletzlichkeit der „Anderen“. Die multimedialen Klänge ZHOU Dongs sind auf ihre Weise extrem. Ein klassisches Werk wie die Toccata und Fuge in d-Moll BWV 565 von Johann Sebastian Bach wird synthetisch verfremdet, immer schräger und schräger wiedergegeben, bis es einer verstimmten Spielorgel gleicht. Die unmenschlichen Tempi, die durch die elektronische Wiedergabe möglich werden, und die mikrotonalen Abweichungen negieren die Klarheit und Reinheit der barocken Vorlage. Hinzu kommt gesprochener und scharf geflüsterter Text, u.a. von der italienisch-irischen Choreographin und Wissenschaftlerin Beatrice Allegranti. Die transdisziplinär arbeitende Feministin fängt in Ihren Schriften die Auseinandersetzung mit den Lebenswelten von LGBTQ+ communities in aktuellen Diskursen um Wokeness und Diskriminierungserfahrungen pointiert ein.

Ist es das Elixier von Chang’e, das eine Erlösung bringt? Kaleidoskopartig bietet „Chang’e. Why you flew to the Moon?“ unterschiedliche Antwortmöglichkeiten und macht diese als ästhetische Erfahrung in Grenzbereichen hörbar, sichtbar und dadurch auch erlebbar.

 1Xiaolong Qiu: Treasury of Chinese love poems. New York: Hippocrene Books, 2003, S. 133.

 2Kim de l’Horizon, Blutbuch, Köln: Dumont,2022.

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